Vorstellung (ganz alt)

Vorstellung aus dem WS 2002/03

Zum Titel „Menschenbilder in der Psychologie“

Unter dem ‚Menschenbild‘ in der Psychologie versteht man das Set von Grundannahmen darüber, was den Menschen ausmacht, welches den einzelnen Theorien mehr oder weniger explizit zugrunde liegt. Mehr oder weniger explizit meint: nicht immer werden diese Grundannahmen deutlich benannt oder gar wissenschaftlich diskutiert. Dabei sind diese Grundannahmen oft schon in den einzelnen Begriffen enthalten: die Begriffe entscheiden, was uns am Menschen überhaupt auffallen kann, nach welchen Zusammenhängen wir als Psychologen und/oder Forscher überhaupt suchen, welche methodischen Herangehensweisen sinnvoll erscheinen, welche Fragen sich aufdrängen.
Nehmen wir folgende Frage: „Welche unbewussten Konfliktkonstellationen liegen typischerweise zwanghaftem Verhalten zugrunde?“ Diese Frage kann ich nun so oder so beantworten; was die Frage aber selbst schon setzt, wovon sie selbstverständlich ausgeht, ist das ‚Wissen‘ oder aber die Annahme, dass es unbewusste Konfliktkonstellationen gibt, und dass diese zwanghaftes Verhalten entscheidend beeinflussen. Allgemeiner und etwas verkürzt: hinter dieser Frage steht ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass das unbewusste Vorgänge in der Psyche das menschliche Verhalten entscheidend prägen.
Eine andere Frage: „Welche Umweltfaktoren führen zu Stress?“ Gesetzt ist hier, dass es äußere Bedingungen (Faktoren) gibt, die, wenn sie auf Menschen einwirken, eine Stressreaktion hervorrufen. Der Mensch erscheint hier Bedingungen unterworfen; wenn die Bedingungen genau genug erforscht/bekannt sind, sind die menschlichen Reaktionen vorhersagbar. Bei dieser Frage ist es sinnlos, nach irgendetwas Unbewusstem Ausschau zu halten.
Um solche – unterschiedlichen- Menschenbilder also geht es.
‚Menschenbilder‘ muss im Plural stehen: denn es gibt in der Psychologie verschiedene Schulen, Theoriegebäude, die sich eben auch in ihrem Menschenbild unterscheiden.
Davon einen Eindruck zu bekommen, ein Verständnis der verschiedenen Grundannahmen psychologischer Theorien zu entwickeln, in die Lage versetzt zu werden, die Grundannahmen von Theorien kritisch zu prüfen, ist ein wesentliches Ziel des Seminars. Daher werden in jedem Semester die ‚großen‘ psychologischen Theorietraditionen abgehandelt, wie der Behaviorismus, die Humanistische Psychologie, die Psychoanalyse und auch die Biopsychologie.
Aber auch im Verhältnis zur universitären Psychologie ‚abseitige‘ Theorien kommen zu Wort, entweder weil sie im Alltag und/oder der außeruniversitären Praxis von Bedeutung sind, und/oder weil sie durch ihr kritisches Herangehen auf Lücken und Fragwürdigkeiten innerhalb des psychologischen Hauptstroms aufmerksam machen. Je nach Thema gibt es auch Ausflüge in angrenzende Wissenschaften, wie in die Philosophie, die Soziologie oder auch die Medizin und die Biologie, insofern ihre Beiträge für die Fragestellung nach den ‚Menschenbildern in der Psychologie‘ interessant sind.

Arbeitsmittel des Seminars

Menschenbilder-Seminar, das heißt ganz praktisch: entlang eines von der TutorInnengruppe ausgewählten Themas und zusammenge-stellten Seminarplans gibt es:

  • Zunächst die Referate im Plenum
  • Anschließend Diskussion in den von TutorInnen moderierten Kleingruppen
  • Zur Vorbereitung gibt es für jedes Referat einen einleitenden Text im Reader
  • Und zur Nachbereitung findet ihr Readertexte und weitere Materialien im Internet

Zur Geschichte des Seminars

Das Menschenbilder-Seminar existiert seit Ende der siebziger Jahre am Fachbereich Psychologie. Es ist entstanden auf studentische Initiative hin, damals noch im Rahmen eines ganzen Kanons von insgesamt sieben sogenannten Grundlagen-Veranstaltungen. Diese Grundlagen-Veranstaltungen sollten ein gewisses Gegen-gewicht im Grundstudium zum üblichen Veranstaltungs-programm bieten, das mehr oder weniger stark einer bestimmten Psychologie-Ausrichtung verpflichtet ist, die dann auch im Vordiplom abgeprüft wird.
Das Konzept der Grundlagenveranstaltungen beinhaltete damals einige eher theoretisch ausgerichtete Seminare wie Menschenbilder, aber auch einige eher praktisch ausgerichtete Seminare, die z.B. Selbsterfahrungsanteile auch schon im Grundstudium boten. Von diesen Veranstaltungen gibt es heute noch einige in nahezu unveränderter Form wie das Menschenbilder-Seminar, Berufsfelderkundung oder auch das Frauenseminar. Andere haben ihren Charakter deutlich verändert wie das SOS-Seminar, das früher ‚Tätigkeit und Bewußtsein‘ hieß und die Grundbegrifflichkeit einer marxistisch ausgerichteten Psychologie thematisierte. Wieder andere existieren überhaupt nicht mehr wie z.B. das Seminar ‚Sozialisation und Selbsterfahrung‘.
Diese Grundlagen-Veranstaltungen waren von jeher stark umkämpft. Von den Studenten gewollt und auch rege besucht, sind sie insbesondere der Professorenschaft traditionell ein Dorn im Auge. Dies liegt daran, daß in diesen Seminaren Ansätze thematisiert werden, die ansonsten am Fachbereich eher totgeschwiegen werden, und daß dies auch noch in einer Art und Weise passiert, die zumindest zum Teil der professoralen Kontrolle entzogen ist. Dafür steht insbesondere die Konstruktion des Menschenbilder-Seminars, das von studentischen TutorInnen in Zusammenarbeit mit einem Lehrbeauftragten vorbereitet und durchgeführt wird. So ist es kein Wunder, daß es im Laufe der Jahre immer wieder Versuche von Professorenseite gab, das Seminar entweder ganz zu streichen oder doch deutlich wieder unter die eigenen Fittiche zu bekommen. Dies ist beim Menschenbilder-Seminar bis heute nicht gelungen, weil das Engagement und der massive Protest der Studierenden dies immer wieder zu verhindern gewußt haben. Im Gegenteil, in den achziger Jahren gelang es den Studierenden sogar, die Aufnahme einiger dieser Veranstaltungen – eben auch des Menschenbilder-Seminars – in den Studienplan durchzusetzen und damit zu einem Teil des offiziellen Lehrprogramms zu machen.
Worum geht es inhaltlich bei den geschilderten Auseinandersetzungen? Wenn man sich das Grundstudium anschaut, Könnte man den Eindruck bekommen, daß dort eine umfassende Darstellung der Psychologie geboten wird: Allgemeine Psychologie für das, was allen Menschen gemeinsam ist, Differentielle Psycholgie für die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen, Sozialpsychologie für den Menschen in Gruppen, Entwicklungspsychologie für den sich entwickelnden Menschen, Biopsychologie für die biologisch-physiologischen Grundlagen menschlichen Lebens und schließlich die Methodenlehre für die empirische Forschung in all diesen Bereichen. Doch der Schein trügt. Wer all diese Fächer fleißig studiert, dem werden vermutlich mehrere Dinge auffallen:

  • Da ist zunächst die auffallende Zusammenhanglosigkeit des dargebotenen Stoffes. Psychologie erscheint so im wesentlichen als ein Sammelsurium einer Unmenge von Einzelbefunden samt drumherum gestrickter Klein- und Kleinsttheorien – von C.F. Graumann ‚Theoretten‘ genannt – ohne übergreifenden Zusammenhang
  • Wenn man Menschen fragt, was sie sich unter einem Psychologiestudium vorstellen und was dort wohl als Grundlagen thematisiert werden könnte, kann man davon ausgehen, daß die Antworten in aller Regel sehr wenig mit dem realen Studienalltag zu tun haben werden. Dies betrifft sowohl Thematiken als Theorien, von denen der Nicht-Psychologe vermutet, daß sie Bestandteil des Grundstudiums sein müßten
  • Deutlich wird auch die mangelnde praktische Relevanz des im Grundstudium dargebotenen Wissens. Dies zeigt sich auch in der Trennung zwischen Grund- und Hauptstudium, die inhaltlich keineswegs aufeinander aufbauen, sondern fast wie zwei verschiedene Studiengänge wirken. Da im Hauptstudium an der Vermittlung von Kenntnissen für die praktische psychologische Tätigkeit gearbeitet wird, ist dies für die Studierenden in der Regel attraktiver. Vordiplom wird so zu einer Pflichtübung, der man sich unterziehen muß, um an das ‚Eigentliche‘ heranzukommen
  • Warum dies so ist, erschließt sich, wenn man das Grundstudium etwas genauer betrachtet. Der eigentliche Kern ist nämlich die Methodenlehre -sowohl vom Umfang als auch von den Anforderungen des Studiums, aber auch vom Selbstverständnis der (nicht nur) an unserer Uni gelehrten Psychologie. Diese begreift sich in ihrer Hauptausrichtung nämlich als empirische Wissenschaft nach dem Muster der Naturwissenschaften; der Königsweg der Erkenntnisgewinnung ist in diesem Verständnis ein experimentelles Forschungsdesign inklusive umfassender Variablenkontrolle und statistischer Auswertung der Ergebnisse. Alle anderen Forschungsmethoden werden an den aus dieser Methode gewonnenen Gütekriterien gemessen. Falls sich diese nicht anwenden lassen, gerät die Methode in den Verdacht der Unwissenschaftlichkeit. Dies bedeutet nun zweierlei:
  1. Die experimentell-statistische Methodik beruht auf einem bestimmten Menschenbild, das menschliches Verhalten als durch äußere Bedingungen bedingt betrachtet. Das Ziel ist nämlich, signifikante Zusammenhänge zwischen äußeren Bedingungen (unabhängigen Variablen) und menschlichem Verhalten als abhängiger Variable zu finden. Dies bedeutet aber auch, daß Freiheit als menschliches Wesensmerkmal keinesfalls akzeptiert werden kann: Das würde dieses Forschungsdesign von vorne herein scheitern lassen.
  2. Ansätze, die dem Menschen eine größere Komplexität zubilligen, brauchen daher eine andere Methodik, die in der Lage ist, dem jeweiligen Menschenbild gemäß Wesentliches zu erfassen. Diese genügen aber in der Regel nicht den experimentell-statistischen Gütekriterien und können dies auch gar nicht, weil sie ganz andere Dimensionen in den Mittelpunkt rücken. Eines der zentralen Beispiele ist dafür die Psychoanalyse Sigmund Freuds, deren Theoriebildung im Wesentlichen auf Fallstudien und Selbstbeobachtung zurückgeht

Es gibt relativ viele psychologische Ansätze, die das deterministische Menschenbild der unversitären Psychologie und ihrer Methodenlehre nicht akzeptieren und von daher große Schwierigkeiten haben, an der Universität überhaupt wahrgenommen zu werden. Dazu gehört die Psychoanalyse, aber auch die Kritische Psychologie, zum Teil die Humanistische Psychologie und noch viele andere Schulen. Im Menschenbilder-Seminar wird davon ausgegangen, daß diese Schulen und die ihnen zugrunde liegenden abweichenden Menschenbilder durchaus diskussionswürdig sind und auch in ihrer praktischen Relevanz nicht vernachlässigt werden dürfen. Dies bedeutet nicht, daß sie nicht auch eventuell kritikwürdig sein könnten. Auf jeden Fall aber gehört die Beschäftigung auch mit diesen Ansätzen zu einer verantwortungsbewußten Psychologie-Ausbildung. Diese Verantwortung versucht das Menschenbilder-Seminar wahrzunehmen. Insbesondere geht es uns darum, die Menschenbilder, auf denen diese Ansätze, aber auch der ‚klassische‘, beruhen, sichtbarer zu machen, um jedem ein besseres Verständnis von dem, was Psychologie bedeuten kann, zu ermöglichen.