Gute* Informant*in

Essay Eures ergebenen Webmasters.
Repräsentiert nicht die Meinung des Teams

Anfänger*innen haben häufig die Tendenz, Ihr Vorträge mit Hinweisen zu beginnen, daß sie sich fachlich unsicher seien. Oder (und teils gleichzeitig!) es setzen häufig Abwehrmechanismen ein, die Unvollständigkeit des eigenen Wissens nicht wahr_zunehmen.

Darauf ließe sich „pädagogisch“ antworten: Es müsse ja nicht perfekt sein und bei komplizierten Themen können weite Teile des Publikums ohnehin nicht beurteilen, welche Qualität eine Information habe.

Auch wenn es sicherlich moralisch wie didaktisch fatal wäre das Publikum für Dumm zu verkaufen und auch wenn im Falle schlechter Recherche ein schlechtes Gewissen nicht unbedingt beruhigt werden braucht, diese Sichtweise mag nicht vollkommen falsch sein: Wenn die eigenen Ansprüche und Unsicherheiten eine* hindern, ist es praktisch, die Erwartungen tiefer zu hängen; zumindest zeitweise. Überhaupt: Wider den Perfektionismus! Doch solche Mittel drohen – wenn zur Folklore geronnen – dem Ziel eines möglichst guten Vortrags zuwiderlaufen.

Wie dieses „Ziel“ genau auszubuchstabieren sei ist zu vielschichtig, um diese Thematik hier auch nur anzukratzen. Gehen wir zunächst einmal von eher einführenden Vorträgen wie im Menschenbilderseminar aus und Versuchen wir es mit einem Trick: Fragen wir uns, was nicht Ziel sein kann. Im Gegensatz zu immernoch verbreiteten Sender*-Empfänger*-Modellen können wir nichts in unserem Publikum bewirken; speziell kein „Lernen“, denn wenn es diese Bezeichnung verdient hat ist eine Aktivität, kein Konsum.

Die Möglichkeiten für Vortragende/Sitzungsgestaltende sind zunächst unüberschaubar. Dies verleitet dazu, nach einer „richtigen“ Einheits-Vortragsmethode zu suchen, zumal gemeinsamer Austausch über soetwas immer die Gefahr von Konformitäts-Effekten birgt. Insofern sei an dieser Stelle ausdrücklich dafür geworben, möglichst viel herumzuprobieren. Gerade selbstorganisierte Kontexte sollten den Freiraum für soetwas bieten. Denn wer herumprobiert muß in Kauf nehmen, daß die meisten Versuche scheitern. Protip: Speziell beim ersten mal, also alles mindestens zweimal ausprobieren.

Angenommen, es gehe uns – fern der Praxis des akademischen Betriebs – um gemeinsames Lernen. Daß „gemeinsames“ heißt, auch d* Vortragende habe immer mit der Absicht zu lernen in den Vortrag zu gehen nur am Rande. Wir können Lernen nicht bewirken, möchten also ’nur‘ dazu anregen. Dies hieße, Interesse zu wecken und Vertiefung dieses erleichtern. Insofern sind Vorträge ohne Literaturhinweise einfach nur Zeitverschwendung. Der Anspruch kann unter diesen Bedingungen nicht sein, dem referierten Stoff vollkommen gerecht zu werden: Einführungen basieren auf Komplexitätsreduktion. Eine Faustregel für gelungene Komplexitätsreduktion wäre die Frage, ob sie künftigen Komplexitätsaufbau fördert oder hindert. Einfacher ausgedrückt: Wir können nicht bewirken, daß unsere Zuhörer*innen schlauer aus dem Vortrag gehen, sollten aber aufpassen, daß sie durch uns nicht dümmer werden.

Wie erreichen wir das?

Exkurs: Über den Vortragsstil hinaus könnte recht speziell heißen, Denkfallen, wie z.B. Wesensdefinitionen oder duale Gegensätze zu vermeiden, da solche die Tücke haben, eine Sichtweise zu prägen und schwer loszuwerden zu sein (Dekonstruktion/NegativeDialektik sind nicht unkompliziert!). Dieses Spezielle etwas allgemeiner ausgedrückt: Wir können zwar höchstens halbe Bildung darstellen, sollten aber um jeden Preis Halbbildung vermeiden. Doch so wichtig es ist, sich mit soetwas zu beschäftigen, hier geht es um Vortragsstil.

Es wäre kontraproduktiv um jeden Preis als wissende* auftreten zu wollen. Gleichwohl die subjektivierenden Effekte von Anrufungen als Lehrperson nicht zu unterschätzen sind. Offensichtlich widerspricht es aber der Sprecher*innenposition als Vortragende unwissend aufzutreten – soetwas mag höchstens im sprichwörtlichen „sokratischen Dialog“ funktionieren -, sodaß soetwas bestenfalls als Tiefstapelei, schlimmstenfalls als Relevanzentwertung des Vortrags aufgefaßt wird.

Wie kommen wir aus 0dem Dilemma ‚raus? An dieser Stelle sei vorgeschlagen: Mit dem Ziel, eine* gute* Informant*in zu sein. Nicht alles zu wissen (und nein, den Wissensbegriff dekonstruiere ich nicht in Essayexkursen), aber das Gewußte als Orientierungshilfe anbieten zu können:

Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Krücke aber bin ich nicht. – –Nietzsche

D.h., Fehlinformationen – über das unvermeidliche „shit happens“ hinaus – billigend in Kauf zu nehmen wäre möglichst vermeiden. D.h., zweifelhafte Stellen sollten als solche kenntlich gemacht werden. Dies braucht nicht in „ich bin mir da nicht so sicher“ Form geschehen, denn diese Information hilft niemandem. Besser darauf hinweisen, daß es sich um einen kontroversen Punkt handelt und sich in der Literatur andere – nicht unbedingt falsche – Deutungen finden; denn so werden sich fortbildenden wollende nicht durch ihr Vorwissen an der Vertiefung gehindert, sondern gar unterstützt.

Dies ließe sich verallgemeinern zu einem veränderten – diskursiveren – Verständnis von Wissen. Statt des paradigmatischen Beispiels (dies wäre ein Pleonasmus, würde ich mich nicht explizit auf den Paradigmenbegriff Kuhns beziehen *g*) Lehrbuch – auswendig zu „lernen“des und damit ersteinmal unverändert zu akzeptierendes – vielleicht eher das des Artikels/Essays: Wer kann in diesem Wissensfeld womit welche Aussagen wie in Frage stellen; oder nicht? Sehen wir Wissenschaft als Prozeß, mögen Teile zeitweilig stillstehen, die interessanten Stellen sind jedoch umkämpft und in Bewegung.

Dieser Beitrag wurde unter Randnotizen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.